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Alles Placebo in der Schulmedizin? Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder (→ IntraG)

Von Claus Fritzsche | 14.Juni 2011

Seit ihren Anfängen zu Beginn der Neunzigerjahre entwickelt sich die moderne Placeboforschung immer mehr zu einem Medizinkrimi der Extraklasse. Sie zeigt uns, dass die etablierten Evidenzkriterien und Evidenzhierarchien reformbedürftig sind, weil starke Placeboeffekte fälschlicherweise dem Verumeffekt zugeschrieben werden. Und zwar in einem teils verblüffend großen Umfang. Umgekehrt wird der therapeutische Nutzen komplementärmedizinischer Therapieverfahren zu schnell und sinnentstellend mit dem Vorwurf „Alles Placebo – also Betrug“ umschrieben. Aus der neuesten Placeboforschung wissen wir nun, dass es hier nicht um eine „eingebildete Wirkung“ sondern um hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse geht. Diese lassen sich im Gehirn, im Rückenmark und in der Physiologie des Körpers nachweisen. Laut Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) stehen sie der Wirkweise pharmakologischer Interventionen in nichts nach, nur dass sie komplett ohne pharmakologische Nebenwirkungen auskommen und wahrscheinlich auch ohne Täuschung zu haben sind. Prof. Dr. Schmidt hält die Wortwahl Placeboeffekt für missverständlich, da das Placebo selbst für den Effekt nicht verantwortlich ist und es hier vielmehr um die „Stimulation körpereigener Heilungsprozesse“ geht.
Abbildung: Eine medizinische Intervention mit geringer spezifischer Wirksamkeit (ergo: niedriger Evidenz) kann einer Therapie mit hoher spezifischer Wirksamkeit (ergo: hoher Evidenz) überlegen sein, wenn sie die körpereigenen Heilungsprozesse über unspezifische Faktoren stärker stimuliert. Weitere Informationen: Wirksamkeitsparadox
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Alles Placebo in der Schulmedizin?

Schaut man sich die neuesten Erkenntnisse der Placeboforschung an, so könnten so genannte Placeboeffekte sowohl in der konventionellen Medizin als auch in der Komplementärmedizin eine viel größere Rolle spielen als bisher angenommen. Einiges, was Medizinforscher bisher über Placeboeffekte zu wissen glaubten, hat sich als falsch erwiesen. Zu revidieren ist auch die Bedeutung, die in großen Teilen der Bevölkerung mit dem Begriff „Placeboeffekt“ assoziiert wird. Es handelt sich hier weder um eine eingebildete Wirkung (Sinnestäuschung) noch sind die Inhaltsstoffe der Scheinmedikamente kausal für die Wirkung verantwortlich. Placeboeffekte werden primär durch Erwartungen und Lerneffekte ausgelöst und verantworten im Gehirn, im Rückenmark und im Körper physiologische Prozesse, die denen von pharmakologischen Arzneimitteln teils sehr ähnlich sind.

Falsch ist auch die weit verbreitete Vorstellung, dass Placeboeffekte ein netter kleiner Bonuseffekt zusätzlich zum Verum wären. Meta-Analysen wie die von Kirsch et al. (PlosMed, 2008) zeigen, dass beispielsweise bei Antidepressiva Verumeffekte ein hässlicher kleiner Bonuseffekt zusätzlich zum starken Placeboeffekt sind. Hässlich deshalb, weil die winzigen Verumeffekte von einem großen Teil der behandelten Patienten trotz statistischer Signifikanz überhaupt nicht als Besserung wahrgenommen werden. Wahrgenommen werden hingegen die mit dem quasi unwirksamen Arzneimittel verbundenen Nebenwirkungen. Trotzdem führen diese Antidepressiva bei vielen Patienten zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Symptome. Verantwortlich dafür ist jedoch fast ausschließlich der therapeutisch nützliche und effektive Placeboeffekt. Zu wenig hinterfragt wird allerdings, warum dieser Placeboeffekt allgemein akzeptiert wird (beispielsweise vom Chemiker und Mediziner Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie), wenn er über ein therapeutisches Ritual unter Gabe von Antidepressiva generiert wird, während er in der Kategorie „Pfui – bah!“ landet, sobald die zeitaufwendige Anamnese einer naturheilkundlich arbeitenden Ärztin oder eines klassischen Homöopathen ähnliche Effekte – zusätzlich zu den spezifischen Effekten – auslöst.

Experten wie der Neurowissenschaftler Fabrizio Benedetti bringen die gewohnte Welt der Medizin durcheinander. Manches, was bisher als Verumeffekt eingestuft wurde, stellte sich als Placeboeffekt heraus. Anderes, was lange Zeit als Placeboeffekt abgewertet wurde, entpuppt sich als medizinisch hochgradig nützliches Ergebnis stimulierter Selbstheilung. Randomisierte Doppelblindstudien bzw. randomized controlled trials (RCTs), einst als Goldstandard der Medizinforschung gepriesen, erweisen sich als untauglich, Placeboeffekte valide zu messen. Kein Wunder, dass sich besonders zwei Gruppen im Aufwind wähnen könnnen: Auf der einen Seite Versorgungsforscher und auf der anderen Seite Therapeuten, welche die körpereigene Selbstheilung ganz ohne pharmakologische Nebenwirkungen stimulieren. Versorgungsforscher untersuchen die Summe aus spezifischen und unspezifischen Effekten im Praxisalltag. Die hier angesprochenen Therapeutinnen und Therapeuten sind große Meister darin, unspezifische Effekte auszulösen und die körpereigene Selbstheilung zu stimulieren.

Hier geht es zu einem spannenden Interview mit dem Psychologen Prof. Dr. Stefan Schmidt – Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse.

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3 Kommentare to “Alles Placebo in der Schulmedizin? Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder (→ IntraG)”

  1. Lothar Brunke schreibt:
    15th.Juni 2011 um 08:19

    Die Definition von Shapiro und Morris geht davon aus, dass Placebo eine Therapie ist, welche ohne spezifische Wirkung bei der zugrundeliegenden Erkrankung ist. Wenn diese Definition auf schulmedizinische Präparate angewendet wird, sollte jede Form von Schulmedizin als Placebo angesehen werden, wenn man die chirurgischen Fächer ausnimmt. Am konkreten Beispiel der Therapie des Diabetes Typ II lässt sich das darstellen. Die schulmedizinisch angeblich evidenzbasierte Therapie erfolgt vorwiegend durch Sulfonylharnstoffderivate. Im Ergebnis der Therapie sehen wir eine Senkung des Blutzuckers und eine Erhöhung der Herzinfarktrate. Eine dauerhafte Heilung mit dieser Therapie erfolgt nicht. Im Sinne der Placebodefinition ist diese Therapie ohne dauerhafte spezifische Wirkung auf die zugrundeliegende Erkrankung und hat bestenfalls eine palliative Wirkung, wenn man die Steigerung der Herzinfarkte nicht betrachtet. Im Sinne Hahnemanns liegt hier weder eine schnelle, noch eine dauerhafte Heilung des Diabetes Typ II vor. Dagegen wird regelmäßig vorgebracht, eine Heilung des Diabetes Typ II sei nicht möglich. Diese Aussage ist falsch. Wenn der Patient mit Diabetes Typ II mit dem homöopathischen Verum behandelt wird, wie beispielsweise Syzygium jambolanum, sinkt der Blutzucker innerhalb kurzer Zeit dauerhaft. Das ist Gesundheit durch spezifische Therapie, nicht die Provokation von Herzinfarkt und Verschlechterung des Diabetes II durch fehlerhafte Dauermedikation mit Sulfonylharnstoffderivaten.
    Auch bedarf das homöopathische Verum keinesfalls einer besonderen schauspielerischen Zuwendung zum Patienten. Es wirkt nicht durch die Veranstaltung einer mystischen, esoterischen Vorstellung unter Bezug auf das Periodensystem-Horoskop durch den Arzt, sondern durch Berührung der lebenden Tierfaser mit den angefeuchteten Globuli, wie Hahnemann beschrieben hat (§ 11 Anm. 1 Org.). Das ist bei pharmakologischen Präparaten ohne die geistartige Wirkung homöopathischer Präparate eher erforderlich, damit sie überhaupt eine dauerhafte Wirkung entfalten könnten.
    Zusammenfassend behaupte ich, was sich hier Placeboforschung nennt, verdient den Namen nicht.
    Bei den Heilungsmechanismen müsste unterschieden werden zwischen den Verumheilungen, welche die Lebenskraft und die Selbstregulation des Körpers betreffen und den palliativen Verstimmungen mit pharmakologischen Präparaten mit den bekannten schädlichen Folgen.
    Nach Klärung dieser Frage könnte dann definiert werden, was von beidem das Placebo sein soll. Das homöopathische Mittel wirkt in jedem Fall und unbedingt (§ 33 Org.), also auch ohne Einbildung und Wissen des Probanden und ohne schauspielerische Leistung des Arztes, ohne Periodensystemhoroskopdeutung und ähnliche Psychotricks durch den Arzt.

  2. Ulrich Berger schreibt:
    16th.Juni 2011 um 14:47

    Herr Bruhnke, Sie behaupten: Wenn der Patient mit Diabetes Typ II mit dem homöopathischen Verum behandelt wird, wie beispielsweise Syzygium jambolanum, sinkt der Blutzucker innerhalb kurzer Zeit dauerhaft. Gibt es für diese Behauptung denn irgendeine Evidenz?

  3. Lothar Brunke schreibt:
    17th.Juni 2011 um 14:22

    Selbstverständlich, ich habe in 25 Jahren zahlreiche Patienten mit Diabetes II behandelt. Wenn sie innerhalb eines Jahres nach Ausbruch zur Behandlung kamen, habe ich alle ausnahmlos innerhalb eines viertel Jahres vom erhöhten Blutzucker geheilt, ohne dass er nach Auswirken des homöopathischen Mittels erneut aufgetreten wäre, selbst nicht nach vielen Jahren und selbst ohne Einhalten von Diätvorschriften. Ich habe auch vergleichbare Fälle unter Behandlung mit Sulfonylharnstoffderivaten verfolgt. Da ist mir nicht ein Fall bekannt geworden, der vom Diabetes II geheilt wurde. Zu diesem Thema würde sich eine umfangreiche Studie lohnen, die selbstverständlich von der Pharmalobby abgeblockt werden dürfte. Das Thema ist unter Homöopathen schon lange bekannt. Falls irgendein Medizinprofessor eine derartige Studie durchführen darf und will stände ich jedenfalls dafür gerne zur Verfügung. Bisher habe ich damit nirgendwo Interesse gefunden, obwohl ich mich viele Jahre darum bemüht habe.

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