« | Home | »

Jürgen Windeler: Irritierende Aussagen auf „Skeptiker“-Kongress in Berlin. Stellungnahmen von Parteien und Verbänden.

Von Christoph Trapp | 30.Juli 2012

Prof. Jürgen Windeler sprach sich Mitte Mai in Berlin bei einer Veranstaltung (1) der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), deren Mitglied er ist (2), gegen die von ihm als „Artenschutz“ bezeichnete Nennung der Besonderen Therapierichtungen im SGB V aus. Das ist ein erstaunlicher Vorgang, weil Windeler hier als Leiter eines deutschen Instituts, das den deutschen Behörden untersteht, wichtige Aussagen des deutschen Gesetzgebers anzweifelt. Dieser hatte im SGB V und im AMG in vielen Novellen und nach langen Debatten die Besonderen Therapierichtungen als bedeutsam herausgestellt. IQWiG-Chef Windeler beruft sich auf „wissenschaftliche und medizinische“ Gründe. Seine Aussage ist jedoch eine Meinungsäußerung, die eine bestimmte Perspektive – nicht jedoch den Stand der Wissenschaft – repräsentiert. Windeler beruft sich auf den Patientennutzen. Dieser lässt sich jedoch nur durch komplexe Forschungsstrategien nachweisen, nicht alleine durch randomisierte Studien. Der DZVhÄ befragte Parteien und Verbänden zu den Aussagen des IQWiG-Chefs.

Abbildung: IQWiG-Chef Prof. Dr. med. Jürgen Windeler
x

Meinungsäußerung, die den Stand der Wissenschaft weder repräsentiert noch korrekt und neutral wiedergibt

„Die Sonderstellung der ‚Besonderen Therapierichtungen‘ ist wissenschaftlich oder medizinisch nicht gerechtfertigt“, und „Pluralität im Sinne gleichwertiger anderer Methoden braucht es nicht, gibt es nicht und ist auch nicht zu erwarten.“ Laut Windeler müssen die besonderen Therapierichtungen nicht weiter erforscht werden, sein Fazit: „Lasst uns darüber lachen, lasst es uns ignorieren und lasst es uns nicht untersuchen.“  (Der DZVhÄ berichtete in den Homöopathische Nachrichten Mai 2012 und hier im Blog.)

Aus Sicht des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) sind dies Besorgnis erregende Aussagen, da das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ein „fachlich unabhängiges, rechtsfähiges, wissenschaftliches Institut“ sein soll und seine Aufgabe die Bewertung des medizinischen Nutzens, der Qualität und der Wirtschaftlichkeit medizinischer Leistungen ist. Das Institut erhält seine Aufträge vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und vom Bundesgesundheitsministerium.

Studien deuten auf Patientennutzen hin

Doch wie seriös, fachlich fundiert und neutral sind die Aussagen von IQWiG-Chef Jürgen Windeler zur anthroposophischen Medizin, zur Akupunktur oder zur Homöopathie? Windeler beruft sich auf den Patientennutzen, ignoriert jedoch den Sachverhalt, dass sich dieser nur im Rahmen von komplexen Forschungsstrategien ermitteln lässt, nicht alleine durch randomisierte Studien.  Systematischer Reviews auf der Basis methodisch hochwertiger kontrollierter, randomisierter Studien (RCTs) erlauben Aussagen zur spezifischen Wirksamkeit einer Therapie, nicht jedoch zum Patientennutzen unter Alltagsbedingungen. Dieser lässt sich nur durch komplexe Forschungsstrategien ermitteln, wie sie in der Versorgungsforschung zum Einsatz kommen. Gerade hier zeigen die Besonderen Therapierichtungen jedoch in verschiedenen Forschungsvorhaben positive Ergebnisse, die mit jenen konventioneller Therapien mindestens vergleichbar sind und die deutlich auf weiteren Forschungsbedarf hindeuten.

Beispiel „Akupunktur“

Im Abschlussbericht „Akupunktur“ des Gemeinsamen Bundesausschusses (3) heißt es beispielsweise: „Die GERAC-Studie zeigte keinen Unterschied zwischen Sham- und TCM-Akupunktur, aber eine signifikante Überlegenheit gegenüber Standardtherapie … Insgesamt wird die Akupunktur zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen als eine sinnvolle Ergänzung bestehender Therapieansätze eingestuft“. Soll die Öffentlichkeit über dieses positive Expertenurteil „lachen“, soll sie es „ignorieren“ und die Akupunktur „nicht weiter untersuchen“?

Beispiel „Homöopathie“

Ähnliche Ergebnisse zeigt auch die Versorgungsforschung im Bereich Homöopathie. Das Wissenschaftsblog „Informationen zur Homöopathie“ schreibt hierzu (4)„Die Studien aus der Versorgungsforschung zeigen in der Summe ein erstaunlich einheitliches Bild: Patienten, die sich homöopathische behandeln lassen, haben klinisch relevante Verbesserungen. Besonders interessant aus der Perspektive der Versorgungsforschung sind vergleichende (nichtrandomisierte) Studien, in der die ganz normale homöopathische Arztpraxis mit der konventionellen Arztpraxis als Kontrollgruppe verglichen werden, die Therapieeffekte sind hierbei für die Homöopathie ähnlich gut wie in der konventionellen Medizin. Versorgungsstudien aus Großbrittannien zeigen ähnlich Ergebnisse wie in Deutschland.“ Soll die Öffentlichkeit über diese Studien „lachen“, soll sie sie „ignorieren“ und die Homöoapthie „nicht weiter untersuchen“?

x

Irritierende Aussagen des IQWiG-Chefs

Aus Sicht des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) sind dies Besorgnis erregende Aussagen, da das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ein „fachlich unabhängiges, rechtsfähiges, wissenschaftliches Institut“ sein soll und seine Aufgabe die Bewertung des medizinischen Nutzens, der Qualität und der Wirtschaftlichkeit medizinischer Leistungen ist. Das Institut erhält seine Aufträge vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und vom Bundesgesundheitsministerium. Doch könnte IQWiG-Chef Jürgen Windeler die anthroposophische Medizin, die Akupunktur oder die Homöopathie fachlich unabhängig bewerten, wenn er sich öffentlich derart polemisch und tendenziös äußert?

Der DZVhÄ hat bei den Fraktionen des Deutschen Bundestags, dem GKV-Spitzenverband und im Bundesministerium für Gesundheit Anfang Juni nachgefragt, wie dort Windelers Aussagen bewertet werden. CDU / CSU und FDP fanden keine Zeit, sich dem Thema anzunehmen. Aus dem Büro der Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz hieß es, „ein Statement können wir Ihnen aktuell nicht anbieten“. Die eingegangenen Statements finden Sie in den nachfolgend verlinkten PDF-Dokumenten.
x
+ + + + + + + + + + +  Fragen des DZVhÄ + + + + + + + + + + + 

+ + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + +
x
Stellungnahme GKV-Spitzenverband (PDF)
x
Stellungnahme MdB Dr. Martina Bunge, Die Linke (PDF)
x
Stellungnahme MdB Birgitt Bender, Bündnis 90/Die Grünen (PDF)
x
x

Quellen:

(1) 6th World Skeptics Congress, 6. Welt-Skeptiker-Kongress, www.worldskeptics.org, 16.05. – 20.05.2012
x
(2) gwup – die skeptiker, Who is Who – Prof. Dr. Jürgen Windeler, www.gwup.org
x
(3) Zusammenfassender Bericht des Unterausschusses „Ärztliche Behandlung“ des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Bewertung gemäß §135 Abs.1 SGB V der Körperakupunktur mit Nadeln ohne elektrische Stimulation, 27.09.2007
x
(4) Klinische Forschung zur Homöopathie, Was wird behandelt? Und profitieren Patienten von der Homöopathie im Alltag? Die Perspektive der Versorgungsforschung, www.informationen-zur-homoeopathie.de
x
x
x
Home
x

Themen: DZVhÄ Homöopathie.Blog | 2 Kommentare »

2 Kommentare to “Jürgen Windeler: Irritierende Aussagen auf „Skeptiker“-Kongress in Berlin. Stellungnahmen von Parteien und Verbänden.”

  1. Lothar Brunke schreibt:
    31st.Juli 2012 um 09:36

    Zitat Frau Bender: „Im Gegensatz dazu fördert in den USA das National Institute of Health die komplementärmedizinische Forschung jährlich mit mindestens 120 Mio. Dollar. Daran sollten
    wir uns ein Beispiel nehmen und Geld zur Erforschung der Komplementärmedizin in die Hand nehmen.“
    Das macht den Unterschied: Die Erforschung der komplementären Medizin wird zumindest in den USA gefördert. In Deutschland regiert stattdessen die bornierte Ideologie. Die Hochschulfördermittel für Eliteunis wurden vor wenigen Wochen gerade in Höhe von 240 Millionen Euro bewilligt. Für Homöopathieforschung war keine Position vorgesehen.

    Frau Biggi Bender (Bündnis 90/Die Grünen) hat offenbar als einige der Wenigen erkannt, dass die Homöopathie einer Reihe von Patienten hilft ihre Gesundheit zu erlangen, oder wie sie vorsichtig formuliert: hilfreich ist.

    Herr Jürgen Windeler, ein Professor, der sich öffentlich wie folgt äußert: „Lasst uns darüber lachen, lasst es uns ignorieren und lasst es uns nicht untersuchen,“ hat jede Berechtigung verspielt sich als Richter über die Wirksamkeit alternativmedizinischer Verfahren aufzuspielen. Er ist offensichtlich derart voreingenommen, dass er das „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)“ nicht sachgerecht leiten kann. Ideologische Engstirnigkeit passt nicht zu wissenschaftlicher Vorurteilsfreiheit.

    Da nützt es auch nicht viel, wenn er „als Experte für die qualitative Bewertung medizinischer Maßnahmen und dabei insbesondere zur Wirksamkeits- und Risikoabschätzung therapeutischer und diagnostischer Verfahren“ gilt (Wikipedia). Um die Risiko-Nutzenabschätzung homöopathischer Therapien bewerten zu können, muss man diese Methode gelernt und praktiziert haben und daran mangelt es Herrn Windeler.

    Er geht vermutlich davon aus, dass Homöopathie unwirksam ist und hat sich wie alle anderen Kritiker bis heute nicht für einen Selbstversuch nach Nash unter Aufsicht eines Erfahrenen Homöopathischen Arztes gemeldet. So funktioniert keine Wissenschaft.

  2. Josef Senn schreibt:
    1st.August 2012 um 07:15

    Es ist schon unglaublich, zu welchen polemischen Äußerungen sich manche Menschen, wie hier Prof. Windeler, hinreißen lassen.

    Das Gute: Gerade wegen des Gebots der Sachlichkeit in der Wissenschaft diskreditieren sich solche Äußerungen eigentlich von selbst.

    Das Beste: Die Zahlen zur Naturheilkunde- und Homöopathie-Entwicklung sind eindeutig: Die Menschen wollen diese Therapieform, und zwar immer mehr. Und so wird sich das nach dem Gesetz der Masse auch unaufhaltsam durchsetzen.

    Das Beruhigende: Betrachten wir also solche Äußerungen als einer der letzten verzweifelten, und vor diesem Hintergrund fast schon verständlichen, Versuche unserer Gegner.

    Das Wichtigste: Wir dürfen nimmer müde werden und müssen jede Gelegenheit nutzen, die Vorzüge dieser phantastischen Medizin zu kommunizieren und damit den Trend weiter zu fördern.

Kommentare