{"id":3802,"date":"2011-12-12T16:06:29","date_gmt":"2011-12-12T16:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/?p=3802"},"modified":"2011-12-12T16:06:52","modified_gmt":"2011-12-12T16:06:52","slug":"rainer-ludtke-%e2%80%93-ein-gruswort-zum-abschied-und-wunsche-fur-den-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/?p=3802","title":{"rendered":"Rainer L\u00fcdtke \u2013 Ein Gru\u00dfwort zum Abschied und W\u00fcnsche f\u00fcr den Weg"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" title=\"Prof. Dr. Dr. Harald Walach\" src=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/images\/Harald_Walach.jpg\" alt=\"\" width=\"139\" height=\"164\" \/><br \/>\nEs muss im Sommer 1993 gewesen sein, als ich <span style=\"color: #000000;\">Rainer L\u00fcdtke<\/span> zum ersten Mal begegnet bin, vielleicht auch ein Jahr fr\u00fcher. Er hatte gerade als Statistiker bei der<strong> <\/strong><a href=\"http:\/\/www.carstens-stiftung.de\/\" target=\"_blank\">Carstens-Stiftung<\/a> angeheuert. Ich hatte gerade meine Promotionsarbeit publiziert, eine experimentelle hom\u00f6opathische Arzneimittelpr\u00fcfung mit allen Schikanen, die mir damals eingefallen sind: doppelt verblindet, placebo-kontrolliert, mit Crossover und Baseline und Tagebuch f\u00fcr ein kategoriales Symptomensammelsystem, das idealerweise noch f\u00fcr viele andere Pr\u00fcfungen herhalten sollte.<\/p>\n<p>Die Studierenden des <a href=\"http:\/\/www.wilseder-forum.de\/\" target=\"_blank\">Wilseder Forums<\/a>, einer Studentenorganisation, die die Carstens-Stiftung ins Leben gerufen hatte, hatten mich eingeladen in irgendein Kaff in der L\u00fcneburger Heide. Das Taxi setzte mich am Rande des Schutzgebietes ab und ich stapfte ein paar Kilometer durch den Regen zum Tagungshaus, zwischendurch ernsthaft an meiner Mission zweifelnd. Diese Zweifel wurden durch Rainer L\u00fcdtkes methodisch-statistische Kommentare zu meiner Arbeit nicht gerade gelindert. Ich kann mich an die Einzelheiten nicht mehr erinnern. Mir wurden nur damals Zusammenh\u00e4nge klar, die mir in einer F\u00fclle von methodischen Beratungen durch Methodiker, Statistiker, Berater und auch meine eigene nicht gerade sparsame Lekt\u00fcre von methodisch-statistischer Literatur verborgen geblieben waren.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Solche Erfahrungen bleiben haften und sind gewisserma\u00dfen ikonografisch. In diesem Fall f\u00fcr die Ikonografie von Rainer L\u00fcdtke als das methodisch-statistische Gewissen der komplement\u00e4rmedizinischen Forschung. <\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" title=\"Dipl.-Stat. Rainer L\u00fcdtke\" src=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/images\/110_Rainer_Luedtke_Carstens-Stiftung_Abschied.jpg\" alt=\"\" width=\"418\" height=\"196\" \/><br \/>\nSelten habe ich auch eine derart gute Kombination von Kritik erlebt, die klar und hart in der Sache ist und doch verbindend und wohlwollend im Ton und in der Beziehung. Mir scheint, es ist eine deutsche Marotte, vielleicht auch eine deutsche Marotte unter Akademikern, mit Kritik auch immer eine subtile, von H\u00e4me nicht ganz freie Abwertung des Kritisierten zu verbinden, aus der dann auch gleich noch die \u00dcberlegenheit des besser Informierten hervorleuchtet. Nicht umsonst ist <em>\u201eschadenfreude\u201c<\/em> neben <em>\u201eangst\u201c<\/em>, <em>\u201erucksack\u201c<\/em> und <em>\u201ekindergarten\u201c<\/em> eines der wichtigsten deutschen Lehnw\u00f6rter im Englischen (\u00fcbrigens ist <em>\u201ehandy\u201c<\/em> mittlerweile dazugekommen). Nichts von alledem habe ich je bei irgendwelcher Kritik gesehen, die von Rainer L\u00fcdtke kam, sei es in meine Richtung oder zu anderen. Auch das ist bildpr\u00e4gend: <strong>Seine Kritik ist immer sachlich richtig und pers\u00f6nlich verbindend gewesen und hat vor allem die Sache und das Feld weitergebracht.<\/strong><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><\/p>\n<h2>Br\u00fccke zur Mainstream-Biometrie<\/h2>\n<p>Damit wurde er zu einem wichtigen und tragenden Element der noch jungen komplement\u00e4rmedizinischen Forscherszene. Er bildete sozusagen einen Br\u00fcckenpfeiler zur Mainstream-Biometrie, die in Deutschland vorgab, wie klinische Studien zu organisieren und auszuwerten sind, brachte er doch das relevante Wissen aus den entsprechenden Zentren in <a href=\"http:\/\/www.cs.uni-dortmund.de\/nps\/de\/Studium\/Studienplaene\/Bachelor_Inf_WS\/Studienplan_BSc_Inf_NF_TheMed\/index.html\" target=\"_blank\">Dortmund<\/a> und<a href=\"http:\/\/www.ams.med.uni-goettingen.de\/amsneu\/index.html\" target=\"_blank\"> G\u00f6ttingen<\/a> mit. Es macht einen gro\u00dfen Unterschied aus, ob man (wie wir Psychologen) Methodik und Statistik als Anwender &#8211; sozusagen \u201ead usum delphini\u201c &#8211; gelernt hat oder von der Picke auf.<\/p>\n<p>Ich habe jedenfalls die \u00dcberheblichkeit des Anwenders, der glaubt, er verstehe die Statistik, wenn er wei\u00df, wie er ein Computerprogramm bedienen und die ausgegebenen Daten interpretieren kann, rasch aufgegeben, nachdem ich einige Kontakte mit professionellen Statistikern hatte &#8211; und die mit Rainer L\u00fcdtke geh\u00f6rten zu den lehrreichsten f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>Fast eine ganze Generation von Forschern \u2013 Doktoranden und Leute, die sich auf dem Gebiet der komplement\u00e4rmedizinischen Forschung vertieften \u2013 haben von Rainer L\u00fcdtkes profundem Wissen profitiert.<\/strong> Bei einer ganzen Reihe von wichtigen Publikationen war er dabei. Dabei hat ihn bis auf wenige Ausnahmen immer das Schicksal des Biometrikers ereilt. Der hat n\u00e4mlich mit jeder Studie viel Arbeit und Aufwand und wenig Ehre. Sein Platz auf den Publikationslisten ist meistens irgendwo in der \u201eet alii\u201c-Liste der vielen Autoren und selten der Ehrenplatz am Schluss oder wichtige Platz des Erstautors.<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><\/p>\n<h2>Re-Analyse von Shang et al. 2005<\/h2>\n<p>Eine der wenigen Ausnahmen ist die wichtige Publikation im <em>Journal of Clinical Epidemiology<\/em> (L\u00fcdtke, R., &amp; Rutten, A. L. B. (2008): <strong><a href=\"http:\/\/www.anthromed.org\/UploadedDocuments\/LuedtkeRuttenJCE08.pdf\" target=\"_blank\">\u201eThe conclusions on the effectiveness of homeopathy highly depend on the set of analyzed trials\u201c<\/a><\/strong> (<em>Journal of Clinical Epidemiology<\/em>, 61, 1197-1204.). In dieser Re-Analyse der viel zitierten Meta-Analyse von Shang und Kollegen aus dem Lancet von 2006 weist Rainer L\u00fcdtke nach, dass den Autoren der originalen Analyse ein wichtiges Detail ihrer eigenen Daten entgangen ist, genauer gesagt, dass sie h\u00f6chstwahrscheinlich klaren Blickes auf eine normalerweise \u00fcbliche Austestung der Robustheit ihrer Ergebnisse verzichtet haben. Er liefert die <a href=\"http:\/\/imihome.imi.uni-karlsruhe.de\/nsensitivitaetsanalyse_meth.html\" target=\"_blank\">Sensitivit\u00e4tsanalyse<\/a> nach, die eigentlich in der originalen Publikation h\u00e4tte enthalten sein m\u00fcssen. Diese ergibt, dass dann, wenn man mehr Studien in die Analyse einschlie\u00dft, als dies Shang und Kollegen getan haben, eine signifikante \u00dcberlegenheit von Hom\u00f6opathie gegen\u00fcber Placebo festzustellen ist. Damit zeigte sich, dass die viel beschworene angeblich nachgewiesene Unwirksamkeit von Hom\u00f6opathie, auf die sich Kritiker gerne st\u00fctzen, alles andere als nachgewiesen und klar ist.<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"><em>Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch das folgende<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/?p=1022\" target=\"_self\">Interview mit Rainer L\u00fcdtke<\/a> im DZVh\u00c4 Hom\u00f6opathie.Blog.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\nEine Reihe anderer Studien und Projekte hat Rainer L\u00fcdtke federf\u00fchrend mitbetreut und damit die Forschung auf dem Feld befruchtet. Als Schriftleiter der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/content.karger.com\/ProdukteDB\/produkte.asp?Aktion=JournalHome&amp;ProduktNr=224242\" target=\"_blank\"><em>\u201eForschende Komplement\u00e4rmedizin\u201c<\/em><\/a> war er nicht nur ein wichtiger Gutachter sondern auch ein Torh\u00fcter f\u00fcr Studien und Ergebnisse, die es in die \u00d6ffentlichkeit schafften und solchen, die den Standards nicht gen\u00fcgten. Damit hat er sich viel Respekt und Anerkennung erworben. Ich kenne keinen im Feld, der an Rainer L\u00fcdtkes Urteil leichten Gewissens vorbeigegangen w\u00e4re.<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><\/p>\n<h2>Gro\u00dfer Verlust f\u00fcr die CAM-Forschung<\/h2>\n<p>Nun hat er sich f\u00fcr die letzte H\u00e4lfte seines professionellen Lebens ein neues T\u00e4tigkeitsfeld gesucht und geht in die Projektentwicklung beim <strong><a href=\"http:\/\/www.stifterverband.info\/\" target=\"_blank\">Stifterverband f\u00fcr die Deutsche Wissenschaft<\/a><\/strong>. Das ist ein Aufstieg. Denn als Statistiker ist und bleibt man der Rechenknecht der Forscher, wenn man nicht die luxuri\u00f6se Stelle eines forschenden Statistikers hat &#8211; und die sind rar ges\u00e4t. F\u00fcr das Feld ist das ein Verlust, ein herber sogar, f\u00fcr Rainer L\u00fcdtke ist es ein Gewinn, den ihm alle g\u00f6nnen, die ihn kennen. Der Stifterverband hat sich einen klugen Kopf geangelt, die komplement\u00e4rmedizinische Szene einen engagierten Mann verloren.<\/p>\n<p>Rainer L\u00fcdtke wird nicht leicht zu ersetzen sein und im Moment ist niemand in Sicht, der diese Rolle ausf\u00fcllen kann. Weltweit gibt es nur eine Handvoll von Statistikern, die gut genug ausgebildet sind, um die komplexen Forschungsfragen angemessen betreuen zu k\u00f6nnen und die gleichzeitig ein Interesse an den Themen haben und die obendrein noch meinungsresistent genug sind, um die immer noch weitverbreitete Skepsis gegen\u00fcber diesem Gebiet nicht allzu ernst zu nehmen. Wollen wir hoffen, dass ein naturphilosophischer Grundsatz auch hier gilt:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Natur verabscheut das Vakuum.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Drum str\u00f6mt immer etwas nach, wenn irgendwo ein Platz frei wird. So, das hoffen wir, irgendwann auch hier. Im Moment ist ein sehr wichtiger Platz frei geworden und im Moment gilt es, dies auszuhalten. <strong>Verbunden mit Dank dem gegen\u00fcber, der ihn so lange und so konstruktiv gef\u00fcllt hat: Rainer L\u00fcdtke, und verbunden mit den besten W\u00fcnschen f\u00fcr seinen weiteren Weg.<\/strong><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #ff0000;\">Links zum Thema:<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.carstens-stiftung.de\/artikel\/der-mann-der-zahlen-verlaesst-die-carstens-stiftung.html\" target=\"_blank\"><strong>Der Mann der Zahlen verl\u00e4sst die Carstens-Stiftung &#8211; Rainer L\u00fcdtke wechselt zum Stifterverband, www.carstens-stiftung.de<\/strong><\/a><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.cam-media-watch.de\/?p=3878\" target=\"_blank\"><strong>Hom\u00f6opathie und die Placebo-These. Interview mit Dipl.-Stat. Rainer L\u00fcdtke, www.cam-media-watch.de<\/strong><\/a><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><br \/>\n<a href=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/\" target=\"_self\"><strong>Home<\/strong><\/a><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">x<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es muss im Sommer 1993 gewesen sein, als ich Rainer L\u00fcdtke zum ersten Mal begegnet bin, vielleicht auch ein Jahr fr\u00fcher. Er hatte gerade als Statistiker bei der Carstens-Stiftung angeheuert. 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