{"id":114,"date":"2010-08-30T08:25:11","date_gmt":"2010-08-30T08:25:11","guid":{"rendered":"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/?p=114"},"modified":"2010-09-14T15:16:29","modified_gmt":"2010-09-14T15:16:29","slug":"statistische-medizin-in-der-kritik-%e2%80%9eje-besser-die-studie-desto-schlechter-das-ergebnis%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/?p=114","title":{"rendered":"Statistische Medizin in der Kritik: \u201eJe besser die Studie &#8211; desto schlechter das Ergebnis\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" title=\"Ph.D. Georg Ivanovas \" src=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/images\/017_Georg_Ivanovas%20.jpg\" alt=\"\" width=\"139\" height=\"164\" \/><br \/>\n<strong>\u201eGro\u00dfe Zahlen liefern ein statistisch gesehen genaues Ergebnis, von dem man nicht wei\u00df, auf wen es zutrifft. Kleine Zahlen liefern ein statistisch gesehen unbrauchbares Ergebnis, von dem man aber besser wei\u00df, auf wen es zutrifft. Schwer zu entscheiden, welche dieser Arten von Unwissen die nutzlosere ist.\u201c <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Schein-Weisen-Irrt%C3%BCmer-Fehlurteile-t%C3%A4glichen\/dp\/3499614502\/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1282980309&amp;sr=1-1\" target=\"_blank\">(1)<\/a> Diese Aussage stammt von keinem hom\u00f6opathischen Nobody sondern von <a href=\"http:\/\/www.beck-bornholdt.de\/\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Hans-Peter Beck-Bornholdt<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.uke.de\/institute\/allgemeinmedizin\/index_21826.php\" target=\"_blank\">PD Dr. Hans-Hermann Dubben<\/a> vom Universit\u00e4tsklinikum Hamburg-Eppendorf. Beide haben erhebliche Zweifel an der Aussagekraft unserer derzeitigen statistischen Medizin. Man k\u00f6nnte sagen, sie berechnen nicht nur Statistiken. Sie fragen sich auch, wie aussagekr\u00e4ftig diese Berechnungen eigentlich sind.<\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" title=\"Fehler in der Medizinforschung: Fehlinterpretation statistischer Daten\" src=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/images\/018_Fehler_Medizinforschung.jpg\" alt=\"\" width=\"418\" height=\"290\" \/><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Kritik ist nicht neu<\/h2>\n<p>Obgleich ein solches Nachdenken eher ungew\u00f6hnlich ist, so ist es nicht neu. Bereits vor etwa 150 Jahren formulierte <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Claude_Bernard\" target=\"_blank\">Claude Bernard<\/a>, einer der V\u00e4ter der wissenschaftlichen Medizin, in ganz \u00e4hnlicher Weise:<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">\u201e<em>Es hei\u00dft, dass der Zufall so bedeutsam f\u00fcr statistische Fehler ist, dass unsere Schlussfolgerungen nur auf gro\u00dfen Zahlen basieren sollten. Aber \u00c4rzte haben nichts mit dem zu tun, was man das Gesetzt der gro\u00dfen Zahlen nennt, ein Gesetz, das nach dem Ausspruch eines gro\u00dfen Mathematikers, im Generellen immer richtig und\u00a0 Speziellen immer falsch ist.\u201c<\/em> <\/span><a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/Introduction-Study-Experimental-Medicine\/dp\/0486204006\" target=\"_blank\">(2)<\/a><\/p>\n<p>Beispielsweise machte sich Bernard \u00fcber einen Kollegen lustig, der auf den Toiletten in Postkutschen-Rastst\u00e4tten Urin sammelte, um einen <em> durchschnittlichen Urin eines Europ\u00e4ers <\/em> zu erhalten. Bernards Kritikpunkt war, dass ein solcher Urin nicht aussagekr\u00e4ftig sei, weil er in dieser Form in der Realit\u00e4t nicht vorkomme. Heute w\u00fcrde man sagen: Ein solches Ergebnis hat keine <em>semantische Relevanz<\/em>. Das klassische Beispiel der Statistik f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen ist die Geburtenrate, die bei einer deutschen Frau 1,37 betr\u00e4gt. Eine solche Zahl mag vielleicht f\u00fcr die Planung der Kinderg\u00e4rten eine gewisse Bedeutung haben. Sie ist jedoch bedeutungslos f\u00fcr die einzelne Frau, da sie niemals 1,37 Kinder geb\u00e4ren wird.<\/p>\n<p><strong>Die<\/strong> <strong>Verh\u00e4ltnisse in der Medizin sind absolut vergleichbar. Zwar geben Statistiken einen gewissen Hinweis darauf, was bei einem bestimmten Patienten in etwa passieren k\u00f6nnte. Sie sagen aber mit \u201ean Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit\u201c <a href=\"http:\/\/www.science-shop.de\/artikel\/781178\" target=\"_blank\">(3)<\/a> nichts dar\u00fcber aus, wie ein realer Patienten reagieren wird.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe dieses Ph\u00e4nomen als <span style=\"color: #333399;\"><strong>Praktiker-Paradox<\/strong><\/span><em> <\/em>bezeichnet. Dieser Begriff meint, dass ein praktizierender Arzt Wissen \u00fcber physiologische und biochemische Einzelvorg\u00e4nge und Wissen \u00fcber Kollektive besitzt, sich aber einem einzelnen Patienten gegen\u00fcber befindet, f\u00fcr den es letztlich keinerlei Evidenz gibt.<\/p>\n<p><strong>Zur Illustration folgende Studie:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kovacs.org\/English\/index.asp\" target=\"_blank\">Kovacs et al.<\/a> f\u00fchrten eine randomisierte Doppelblindstudie \u00fcber den <em>Einfluss der Matratzenh\u00e4rte bei chronischem R\u00fcckenschmerz<\/em> durch <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/14630439\" target=\"_blank\">(4)<\/a>. Die Matratzenh\u00e4rte wird bei vielen Patienten mit chronischem R\u00fcckenschmerz als wesentlicher Faktor betrachtet. Die Studie bewies, dass im Durchschnitt die mittelharte Matratze zu den wenigsten Beschwerden f\u00fchrte. Sollen nun alle Patienten auf einer mittelharten Matratze schlafen? Auch die 10 Prozent, die vermehrt Schmerzen hatten? Der Statistik zuliebe, sozusagen. Oder auch diejenigen, die auf h\u00e4rteren und weicheren Matratzen bessere Ergebnisse hatten?<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen also den Patienten beobachten und das therapeutische Schema anhand unserer Beobachtung anpassen. <span style=\"color: #000000;\">Aber hier versagt unsere statistische Medizin vollst\u00e4ndig.<\/span> Es gibt keine Methode, <em>individuelle Reaktionen des Patienten<\/em> zu beurteilen, au\u00dfer dem gesunden Menschenverstand, der leider zu oft eher zu ungesunden Resultaten f\u00fchrt. <span style=\"color: #993300;\"><strong>Dieser v\u00f6llige Mangel an einer Methodik zur individuellen Beurteilung und Prognostik ist ein wesentliches Charakteristikum der derzeitigen statistischen Medizin.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #993300;\"><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><strong><br \/>\n<\/strong><\/span><\/p>\n<h2>Lassen sich \u201eTailored Medicine\u201c und \u201estatistische Evidenz\u201c vereinbaren?<\/h2>\n<p>Sobald wir n\u00e4mlich unsere Therapie dem Patienten entsprechend anpassen, was man derzeit als <em>\u201atailored medicine\u2019 <\/em>bezeichnet, haben wir den sicheren Boden der<em> \u201astatistischen Evidenz\u2019<\/em> verlassen. Das hei\u00dft,<span style=\"color: #993300;\"><strong> je individueller wir eine Therapie gestalten, desto sicherer wird sie ein gutes Ergebnis aufweisen. Aber desto sicherer wird sie aber auch zu einer wenig verl\u00e4sslichen Statistik f\u00fchren.<\/strong><\/span> Das ist es, was Beck-Bornholdt und Dubben sagen. Das ist es auch, was alle Studien zur Hom\u00f6opathie und Akupunktur zeigen: Je ma\u00dfgeschneiderter und folglich statistisch unzuverl\u00e4ssig eine Studie ist, desto sicherer wird sie ein positives Ergebnis zeigen. Je statistisch zuverl\u00e4ssiger eine Studie ist und folglich f\u00fcr einen realen Patienten wenig relevant, desto sicherer werden Hom\u00f6opathie und Akupunktur nicht besser abschneiden als ein Placebo. Dennoch werden beide Verfahren besser wirken als eine orthodoxe medikament\u00f6se Standardtherapie. Dieses Wirksamkeits-Pradox gilt es an anderer Stelle genauer zu untersuchen.<\/p>\n<p><strong>Hier soll das Gesagte nochmals mit einer anderen Studie illustriert werden: <\/strong>In einer Studie zu R\u00fcckenschmerzen wurde eine <em>standardisierte Physiotherapie<\/em> (Massage, K\u00e4lte- und W\u00e4rmeapplikationen usw.) mit der standardisierten <em>Empfehlung \u201aweiter aktiv zu bleiben\u2019<\/em> verglichen <a href=\"http:\/\/www.bmj.com\/content\/329\/7468\/708.abstract\" target=\"_blank\">(5)<\/a>. Dieses Studiendesign mag zwar den statistischen Erfordernissen entsprechen. Aber wer nur ein wenig Ahnung von Physiotherapie hat, wei\u00df, dass das, was einer Person nutzt, einer anderen schaden kann. Physiotherapeutische Anwendungen m\u00fcssen sehr individuell verordnet und nach der Reaktion des Patienten angepasst werden. Es ist also nicht erstaunlich, dass die Physiotherapie in der obigen Studie kein besseres Ergebnis erbrachte als die Empfehlung, aktiv zu bleiben.<\/p>\n<p><strong>Physiotherapie muss, wie jede regulative Therapie ma\u00dfgeschneidert sein. Aber das m\u00f6gen die Statistiker gar nicht. Und genau damit haben wir in der Hom\u00f6opathie zu k\u00e4mpfen, denn es scheint irgendwie nicht m\u00f6glich zu sein, dieses Problem den Statistikern und EBM\u2018<\/strong><strong>lern verst\u00e4ndlich zu machen.<\/strong><\/p>\n<p>Im Grunde gilt: Je statistisch solider eine Studie ist, desto schlechter ist die praktizierte Medizin. Das ist besonders auff\u00e4llig bei regulativen Verfahren. Es trifft aber auch bei jeder anderen Form der klassischen medikament\u00f6sen Therapie zu.<\/p>\n<p>Ich denke, es ist an der Zeit, sich ein wenig mehr \u00fcber die Reaktionsmuster und \u2013f\u00e4higkeiten der Patienten Gedanken zu machen. Dazu muss man auch die Semantik der Statistiken genauer unter die Lupe zu nehmen. Und genau hier k\u00f6nnte die orthodoxe Medizin einiges von den regulativen Therapien lernen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n<p><strong>(1) <\/strong>Beck-Bornholdt HP, Dubben HH (2003): Der Schein der Weisen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S. 218<\/p>\n<p><strong>(2)<\/strong> Bernard (1865): Introduction \u00e0 l\u2019\u00e9tude de la m\u00e9decine exp\u00e9rimentale, meine \u00dcbersetzung nach der englischen Fassung An Introduction to the Study of Experimental Medicine. Dover, New York 1957, S. 158<\/p>\n<p><strong>(3)<\/strong> Dubben HH, Beck-Bornholdt HP (2005): Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit, Fischer, Reinbek bei Hamburg<\/p>\n<p><strong>(4)<\/strong> Kovacs FM, Abraira V, Pe\u00f1a A, Mart\u00edn-Rodr\u00edguez JG, S\u00e1nchez-Vera M, Ferrer E, Ruano D, Guill\u00e9n P, Gestoso M, Muriel A, Zamora J, del Real MTG, Mufraggi N (2003): Effect of firmness of mattress on chronic non-specific low-back pain: randomised, double-blind, controlled, multicentre trial. Lancet 362: 1599-604<\/p>\n<p><strong>(5)<\/strong> Frost H, Lamb SE, Doll HA, Carver PT, Stewart-Brown S (2004): Randomised controlled trial of physiotherapy compared with advice for low back pain, BMJ\u00a0 329:708<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">\u00dcber Georg Ivanovas:<\/span><\/h2>\n<p>Jahrgang 1953, russisch-deutscher Abstammung, Abitur 1972, Studium der Medizin in M\u00fcchen und Bonn, 1979 Approbation, klinische T\u00e4tigkeit in Chirurgie, Gyn\u00e4kologie und Rheumatologie, Zusatztitel Balneologie, Naturheilverfahren, Hom\u00f6opathie, gestalttherapeutische Ausbildung, hom\u00f6opathische Allgemeinpraxis in Bad Wurzach ab 1989-1992, seit 1993 hom\u00f6opathische Allgemeinpraxis in Heraklion\/Kreta, ab 2000 Forschung zur Systemtheorie in der Medizin an der Universit\u00e4t Heraklion, 2010 PhD mit dem Titel\u00a0 \u201eContributions of Systems &#8211; Theory to the Understanding of Therapy and Health\u201c<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n<h2>Links zum Thema:<\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/v4\/archiv\/pdf.asp?id=26611\" target=\"_blank\">PhD Georg Ivanovas: Doppelblind bei alternativen Heilverfahren (Deutsches \u00c4rzteblatt, Jg. 98, Heft 13, 30. M\u00e4rz 2001)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.neuraltherapie-blog.de\/?p=1338\" target=\"_blank\">EBM-Kritik: Prof. Harald Walach und das Problem mit der \u201eIntegrativen Medizin\u201c<\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/\" target=\"_self\"><strong>Home<\/strong><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGro\u00dfe Zahlen liefern ein statistisch gesehen genaues Ergebnis, von dem man nicht wei\u00df, auf wen es zutrifft. Kleine Zahlen liefern ein statistisch gesehen unbrauchbares Ergebnis, von dem man aber besser wei\u00df, auf wen es zutrifft. Schwer zu entscheiden, welche dieser Arten von Unwissen die nutzlosere ist.\u201c (1) Diese Aussage stammt von keinem hom\u00f6opathischen Nobody sondern [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[20,19,15,17,18,16],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=114"}],"version-history":[{"count":69,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":181,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions\/181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dzvhae-homoeopathie-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}