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Prof. Harald Walach korrigiert Markus C. Schulte von Drach (Sueddeutsche.de)

Von Christoph Trapp | 17.Februar 2012


Publikumsmedien sind keine wissenschaftlichen Journale. Aus diesem Grund darf man auch nicht zu hohe Ansprüche stellen, wenn sich eine angesehene Tageszeitung wie die Süddeutsche Zeitung in die Tiefen einer wissenschaftlichen Kontroverse hineinwagt. Allerdings darf man von einem Leitmedium wie der Süddeutschen Zeitung durchaus erwarten, dass ihre Redaktion zumindest grundlegende Aussagen prüft und sie uns nicht (im übertragenen Sinne) Volkswagen als führenden Hersteller von Spielzeugautos präsentiert. Aus meiner Sicht hat Redakteur Markus C. Schulte von Drach etwas Vergleichbares gemacht, als er den Artikel „Homöopathie ist ein reiner Placeboeffekt“ für Sueddeutsche.de verfasste. Homöopathen berufen sich „häufig auf den Mediziner Klaus Linde und den Quantenphysiker Anton Zeilinger“ lässt Markus C. Schulte von Drach seine Leser wissen. Das ist eine seltsame Behauptung, die einer genauen Prüfung nicht standhält und die von jenen Fragen, die in der Scientific Community aktuell diskutiert werden, komplett ablenkt. Zwei grobe Fehler korrigierte Prof. Walach bei CAM Media.Watch.

„Knapp daneben, aber mitten ins Ziel“

„Eine der genialsten Anleitungen, wie man auf jeden Fall ans Ziel kommt, auch wenn man weit an ihm vorbeigeschossen ist, kann man in Eckhart von Hirschhausens Buch „Das Glück kommt selten allein“ finden, in der Hardcover Ausgabe auf Seite 36, wenn ich mich recht erinnere. Es handelt sich dabei um einen Bastelbogen. Er zeigt eine Dart-Zielscheibe zum Ausschneiden. Die Anleitung sagt, man solle einen Pfeil irgendwohin schießen, wo er stecken bleibt, dann die Zielscheibe ausschneiden, und drum herum kleben, möglichst mit dem Pfeil im „Bull’s Eye“. Und zack, fertig ist der Treffer!“ Mit diesen Worten leitet der klinische Psychologe Prof. Dr. Dr. Harald Walach, Chefredakteur des Journals Forschende Komplementärmedizin und eine bedeutende Forscherpersönlichkeit auf dem Gebiet der Alternativ- und Komplementärmedizin, einen kritischen Blogbeitrag ein, der zwei Missverständnisse von Markus C. Schulte von Drach korrigiert:

1. Fehler – „Schwache Quantentheorie“:

Das eine Missverständnis ist verzeihlich. Markus C. Schulte von Drach hatte den Eindruck erweckt, Walach würde die Homöopathie durch das Prinzip der Quantenteleportation außerhalb strikter Quantensysteme erklären. Die zur sog. Schwachen Quantentheorie publizierten diversen wissenschaftlichen Arbeiten (z. B. in Foundations of Physics, 2002 oder in einer (Open Access) Sondernummer der peer-reviewten Online-Philosophiezeitschrift Axiomathes, 2011) sind schwere Kost und es ist anzunehmen, dass Markus C. Schulte von Drach die Arbeiten nie gelesen hat. Für einen Wissenschaftsjournalisten sehr ungewöhnlich ist allerdings der Sachverhalt, dass sich der Mitarbeiter der SZ-Redaktion kritisch zu Harald Walach äußert, ohne mit ihm Kontakt aufgenommen zu haben. Im SZ-Wissenschaftsressort von Werner Bartens ist das nun schon der zweite grobe Schnitzer dieser Art. 2010 hatte SZ-Redakteur Sebastian Herrmann einen Artikel über den Studiengang von Herrn Walach an der Europa-Universität Viadrina veröffentlicht, der in wesentlichen Teilen Falschinformationen enthält. Auch Sebastian Herrmann fand nicht die Zeit, jene Person zu kontaktieren, die Gegenstand eines kritischen und schlampig recherchierten Berichts wurde.

2. Fehler – Klaus Linde und Shang et al. 2005:

Das andere Missverständnis kann ich schwer nachvollziehen, weil es hier um eine Thematik geht, die sich fachfremde Journalisten relativ schnell aneignen können, wenn sie ein klein wenig recherchieren, konzentriert lesen und aufmerksam zuhören. Wie nur kommt Markus C. Schulte von Drach zu der haarsträubenden Behauptung, Homöopathen würden Dr. med. Klaus Linde als Kronzeugen für die Wirksamkeit der Homöopathie aufführen. Richtig ist, dass der Medizinforscher im Kontext Homöopathie und Forschung zitiert wird. Linde wird hier jedoch in Hinblick auf einen ganz anderen Aspekt zitiert, der von Markus C. Schulte von Drach unter Sueddeutsche.de komplett unterschlagen wurde: Die kontroverse Diskussion der heterogenen Forschungsergebnisse zur Frage, ob homöopathische Arzneimittel einen spezifischen über Placebo hinausgehenden Effekt haben. Und was diese Frage angeht, sagt Dr. med. Klaus Linde z. B. im 2008 publizierten „Kursbuch Homöopathie“:

Die bisherigen systematischen Übersichtsarbeiten, die die Ergebnisse der placebokontrollierten Studien zusammenfassen (Kleijnen 1997, Linde 1997, Shang 2005), zeigen kein einheitliches Ergebnis, so dass die Frage nach der Überlegenheit homöopathischer Arzneimittel über Placebo noch nicht abschließend geklärt ist.

Quelle: K. Linde, C. M. Witt in „Kursbuch Homöopathie“, 2008, S. 318

Das ist exakt das Gegenteil der von Markus C. Schulte von Drach gewählten Überschrift „Homöopathie ist Placeboeffekt“. Nun stammen viele Inhalte des „Kursbuch Homöopathie“ aus dem Jahr 2006 und entsprechen nicht mehr dem Forschungsstand des Jahres 2012. Auch der Artikel in der Süddeutschen Zeitung bezieht sich auf Arbeiten, die vor 5 bis 9 Jahren erstellt wurden. Prof. Walach fragt daher auch zu Recht:

„Was eigentlich ist der konkrete Anlass für diesen Artikel? Normalerweise gibt es ja immer irgendeinen mehr oder weniger aktuellen Anlass, wenn Journalisten schreiben. Der hier zugrundeliegende Anlass muss in der finsteren Vergangenheit gesucht werden. Die Arbeiten, auf die sich Schulte von Drach in seinem Artikel bezieht, sind 2003, 2005 und 2007 publiziert worden – das heißt vor 5 bis 9 Jahren. Wichtige neuere Arbeiten, in denen die Diskussion um die Homöopathie von Wissenschaftlern aufgegriffen oder weitergeführt wurde, fehlen. Fast wollte man meinen, der SZ-Redaktion sei ein fünf Jahre alter Text bei der Jahresinventur in die Finger gekommen, der grad noch auf eine leere Seite passt.“
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Aktuellere Informationen:

Interessieren Sie sich für die Frage, welches wissenschaftliche Meinungsspektrum es in der Homöopathie-Forschung gibt, so finden sie hier im Blog eine Zusammefassung von Björn Bendig, die den Stand des Jahres 2010 berücksichtigt. Noch aktueller ist ein CAM Media.Watch-Interview mit Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke.
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Links Thema:

Tendenziös: Werner Bartens und das Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Mehr Qualität ist möglich!

NEU: Kritischer Blogbeitrag über das Verhältnis von Herrn Schulte von Drach zu Prof. Edzard Ernst und den Verdacht geschönter Berichterstattung
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Themen: DZVhÄ Homöopathie.Blog | 7 Kommentare »

7 Kommentare to “Prof. Harald Walach korrigiert Markus C. Schulte von Drach (Sueddeutsche.de)”

  1. Lothar Brunke schreibt:
    17th.Februar 2012 um 20:46

    Den Quantenphysiker Anton Zeilinger habe ich sowohl gelesen, als auch seinen Vortrag gehört. Ich habe nirgendwo eine Aussage von ihm zur Homöopathie gehört. Das ist auch nicht sein Thema. Dass nun ein SZ-Redakteur Aussagen zur angeblichen Unwirksamkeit der Homöopathie macht, wundert nicht. Homöopathie funktioniert für die vielen Halbgebildeten unter den Redakteuren und selbsternannten fachfremden Pseudogutachern gerne als Feindbild zu Verschleierung eigener dogmatischer Engstirnigkeit. Den Blog und die enthaltenen Beiträge hat selbstverständlich niemand von diesen „Superredakteuren“ gelesen oder sich an den Diskussionen beteiligt. Wissenschaftlich Homöopathie versteht eben nicht jeder, schon gar kein Redakteur der SZ oder des Spiegel.
    Dabei hat Süddeutschland sehr viele interessierte Anhänger der Homöopathie. Die hätten ja auch mal nach den Behandlungsergebnissen gefragt werden können, wenn die Theorie schon zu schwierig ist.

  2. Lothar Brunke schreibt:
    21st.Februar 2012 um 10:35

    Ob Homöopathie wirksam ist, lässt sich nicht lediglich durch Anwendungsstudien feststellen. Die haben den Nachteil, dass die Ergebnisse je nach vorbestehender Meinung verdreht werden können und auch werden. Der einfachere Weg zum Nachweis der Wirksamkeit homöopathischer Mittel ist der LD 50 Versuch an kleinen Nagetieren. Zwar sind Tierexperimente umstritten, zum Nachweis der Wirksamkeit jedoch vermutlich unumgänglich. Der Unterschied zwischen pharmakologischer Therapie und Homöopathie besteht darin, dass beim pharmakologischen Präparat die Menge ermittelt wird, die bei 50% der Versuchstiere letal wirken. Bei Hochpotenzen lässt sich bei bestimmten gefährlichen homöopathischen Mitteln die Wiederholungsrate bestimmen, bei der 50 % der Versuchstiere nach 30 Tagen sterben.
    Dann kommen zwar auch wieder Schlaumayer auf die Bildfläche, die behaupten, das wäre dann der Noceboeffekt. Um das Argument zu Widerlegen könnte die Studie dann verblindet werden. Zur Krönung sollte dann den Mäusen bei schlechtem Zustand mitgeteilt werden, dass es sich lediglich um ein angeblich nicht wirksames homöopathisches Mittel oder Placebo handeln würde. Dann sollte der letzte Rest des Noceboeffekt wirkungslos verfliegen, wenn man unterstellt, dass Mäuse Gedanken lesen können oder menschliche Sprache verstehen.
    Damit dürfte die Wirksamkeit der Homöopathie gegen jede Kritik nachweisbar sein.
    Für den Selbstversuch analog Nash hat sich bis heute niemand gefunden, auch kein Redakteur der SZ.
    Das wäre aber die Voraussetzung für anmaßende Aussagen, wie Homöopathie sei ein Placebo.

  3. Generalisierte Quantentheorie: Eine theoretische Basis zum Verständnis transpersonaler Phänomene | psychophysik.com schreibt:
    26th.Februar 2012 um 18:52

    […] – Chronologie der Veröffentlichungen zur Generalisierten bzw. Schwachen Quantentheorie x Diskussion: Prof. Harald Walach korrigiert Markus C. Schulte von Drach (Sueddeutsche.de) x x x Home […]

  4. Lothar Brunke schreibt:
    1st.März 2012 um 14:42

    Der zitierte SZ Artikel auszugsweise im Wortlaut:

    „Das ist auch der Grund, weshalb Linde vor einigen Jahren die Autoren einer Untersuchung für das Schweizer Bundesamt für Gesundheit kritisierte. Matthias Eggert und seine Kollegen von der Universität Bern hatten etliche Studien zur Homöopathie überprüft. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2005 im Fachmagazin Lancet: Homöopathie hat demnach keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus. Die Zeitschrift hatte in einem Leitartikel deshalb das „Ende der Homöopathie“ verkündet.“

    Herr Schulte von Drach hat sich den Lancetbeitrag nicht richtig durchgelesen. Wörtlich heißt es dort:

    „Wir geben zu, dass der Beweis keiner Wirkung (der Homöoathischen Mittel Anm. Verf.) unmöglich ist, aber wir haben gezeigt, dass die Effekte, die wir in Placebo-kontrollierten Homöopathiestudien gesehen haben, mit der Placebo-Hypothese vereinbar sind.“

    Daraus macht der Herr Schulte von Drach das Ende der Homöopathie und wörtlich:
    „Homöopathie hat keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus.“

    Genau das wird in der Lancetstudie nicht behauptet. Es wird in der Lancetstudie zugestanden, dass Homöopathie eine Wirkung hat. Ob diese eine Placeboeffekt sein soll, wird auch nicht explicit behauptet, sondern dass die Wirkung der Homöopathie nach Auffassung der Wissenschaftler mit der Placebohypothese vereinbar ist, es deshalb aber noch lange nicht sein muss.

    Eine notwendige vergleichende Betrachtung zu pharmakologischen Präparaten wurde von den Wissenschaftlern der Lancetstudie nicht angestellt, obwohl sie die Voraussetzung für die Beurteilung der homöopathischen Präparate darstellen würde.

    Notwendig wäre die vergleichende Fragestellung gewesen, inwiefern schulmedizinische Präparate eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus entfalten. Aus diesem Vergleich ließe sich ggf. schlussfolgern, ob Homöopathie mehr oder weniger Heil-Wirkungen zeigt, als Pharmakotherapie. Studien, die den gängigen pharmakologischen Präparaten keine oder bestenfalls Placebowirkung nachweisen existieren ausreichend und wurden nicht etwa von Homöopathen verfasst, sondern von Pharmakologen.

  5. Voll daneben: Markus C. Schulte von Drachs Antworten auf kritische Fragen des DZVhÄ. (→ Sueddeutsche.de) | CAM Media.Watch schreibt:
    1st.März 2012 um 16:35

    […] (DZVhÄ) hat sich in die Diskussion eines Artikels von Markus C. Schulte von Drach eingeschaltet (1). Die „Homöopathischen Nachrichten“, der Newsletter des Ärzteverbands, haben den Redakteur des […]

  6. Tendenziös: Werner Bartens und das Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Mehr Qualität ist möglich! | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    21st.März 2013 um 15:19

    […] falsch sind. Christoph Trapp vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) schreibt (17): „Das eine Missverständnis ist verzeihlich. Markus C. Schulte von Drach hatte den Eindruck […]

  7. Sabine schreibt:
    27th.Januar 2014 um 09:42

    Es wundert mich, dass solche Diskussionen immer noch geführt werden müssen. Über die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln ist doch längst hinlänglich von allen Seiten, vorwärts und rückwärts und von innen nach außen und wieder zurück gestritten worden. Für mich steht fest, dass sowohl Schulmedizin als auch Homöopathie ihren festen Platz in der Heilkunde haben sollten. Ein Nebeneinander anstelle von Anfeindungen wäre für die Patienten viel hilfreicher – und darum soll es doch in der Medizin gehen! Den Menschen soll geholfen werden und wer hilft hat Recht. So einfach darf man es sich zwar nicht generell machen, denn Homöopathie muss klar von Scharlatanerie abgegrenzt werden, aber dem Grunde nach trifft das für mich die Sache im Kern.

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